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hö? drechnehandschuhe sind nur ein gramm schwer? wowee... das metall muss ein neues element sein... leichter als luft
 

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«Rainer ist mein Hobby» – der deutsche Youtuber Drachenlord hat eine grausame Internetgefolgschaft. Was treibt seine Hater an?​


Rainer Winkler hat eine riesige Anhängerschaft, bestehend aus Menschen, die ihn verhöhnen. Die Hetze ist für sie ein Spiel, der Drachenlord wird zur Obsession. Einer, der mitspielt, ist Tom.

Nadine A. Brügger 24.01.2023, 05.30 Uhr


«Wir sind dauernd in seinem Kopf» – Rainer Winkler, alias Drachenlord, hat als Youtuber eine riesige Anhängerschaft. Doch statt aus Fans besteht sie aus Hatern.


«Wir sind dauernd in seinem Kopf» – Rainer Winkler, alias Drachenlord, hat als Youtuber eine riesige Anhängerschaft. Doch statt aus Fans besteht sie aus Hatern.​


Sebastian Lock / Laif

Vor sieben Jahren stiess ein Mann, nennen wir ihn Tom, im Internet auf ein Video, das sein Mitleid weckte. Das Video zeigt, wie ein junger, übergewichtiger Mann eine Frau, die er nur virtuell kennt, fragt, ob sie ihn heiraten wolle. Die Frau nennt sich Erdbeerchen. Er nennt sie «Schatz» und lächelt nervös – auf ihre Antwort wartet nicht nur er, sondern auch Tausende von Zuschauern: Der Mann hat die Frage während eines Live-Streams auf Youtube gestellt.

«Du bist echt ein ganz besonderer Mensch», sagt sie schliesslich, und er strahlt. Dann fährt sie fort: «Mit ‹besonders› meine ich: Du bist der fetteste, dümmste Idiot, den ich je in meinem ganzen Leben gesehen hab.» Der gedemütigte Mann heisst Rainer Winkler, bekannt unter seinem Youtube-Namen: Drachenlord1510 – kurz: Drache.

Tom sagt: «Rainer hat mir unglaublich leid getan. Wenn dir dieses Video beim ersten Mal Schauen nicht das Herz bricht, dann hast du keines.» Tom sagt auch: «Rainer ist wie ein Unfall, man guckt einmal hin und kann nicht mehr wegschauen. Keiner lässt sich so schön triggern. Er macht sich angreifbar, also greifen wir ihn an.»

Wie wurde aus dem anfänglichen Mitleid Verachtung? Und warum schauen Tom und Tausende andere über so viele Jahre mit so grosser Lust bei allem zu, was der Drachenlord tut?

«Jeder braucht ein Hobby»​


Tom ist Schweizer, Mitte dreissig, intelligent, gesellig. Er hat einen Job, bei dem regelmässig ein Bonus ausbezahlt wird, eine Freundin und ein Haus am See. Und jeden Tag schaut Tom in die Telegram-Gruppen, die sich mit Winkler beschäftigen. «Jeder braucht ein Hobby», sagt Tom, «Rainer ist meins.»

Auf «Drachenlord-Rainer-Watch» informieren die User einander über Winklers aktuellen Standort. Ein Blick in den Chat zeigt: Oft ist er beim Beck in seinem Heimatdorf. Ein anderer Telegram-Kanal, «Schanzenwatch-Broadcast», informiert seine knapp 45 800 Abonnenten über alle Neuigkeiten im Zusammenhang mit dem Drachenlord. Die «Haider» tragen Berichte, Fotos, Videos und Meldungen, die es von und über Winkler gibt, minuziös zusammen und legen sie ab.

Der Sonderschüler​


Rainer Winkler, der Drachenlord, ist 32 Jahre alt, übergewichtig, arbeitslos und gerade auf Bewährung. Warum, soll später thematisiert werden. Er hat einen IQ von 85 und hat darum eine Sonderschule besucht. Vor einem Jahr hat das Gericht Winkler eine verminderte Steuerungsfähigkeit attestiert. Das heisst: Winkler fehlt in vielen Situationen die Einsicht, dass das, was er gerade tut, falsch ist. Er geht also schnell an die Decke, ist leicht zu provozieren. Das hat ihm einen seiner Übernamen – «Schreilord» – und eine ebenso grosse wie grausame Internetgefolgschaft eingebracht.



Als Drachenlord stellt Winkler seit 2012 Videos auf Youtube. Erst erfolglos. Dann provozierten seine Inhalte auf anderen Plattformen dumme Sprüche und Häme – da wurden die Leute neugierig. Zu seiner besten Zeit hatte Winkler auf Youtube 200 000 Abonnenten, verdiente damit Geld. Der Inhalt seiner Videos: er selbst. Und der Hass, den er erlebt.

Statt aus Fans, die ihn bewundern, besteht Winklers Anhängerschaft aus Menschen, die ihn auslachen, verurteilen und verabscheuen. Menschen, die ihn nicht nur im Internet beleidigen, sondern sich auch betrunken vor seinen Gartenzaun stellen, seinen Hof mit Müll und Eiern bewerfen und versuchen, ihn aus seinem Haus zu locken, ihn zum Durchdrehen zu bringen. Wenn es gelingt, machen sie Videos und stellen diese online.

Winkler nennt sie alle «Hater», spricht das englische Wort aber als «Haider» aus. «Jeder, der ihn kritisiert, ist ein ‹Haider›», sagt Tom. So kamen seine Antifans zu ihrem Namen. Und etwas an Winkler triggert diese Leute – stört und reizt sie, bis sie sich nicht mehr spüren.

Man könnte ihn ignorieren​


Einmal hat Winkler in einem Chat gesagt, «zu jung» gebe es bei Frauen ja eigentlich nicht, bloss «zu eng». Nach dem Amoklauf in Wien erklärte Winkler in einem Chat, dass es ihn nicht interessiere, «wenn irgendwo auf der Welt Leute sterben. Ich habe den ganzen Tag irgendwelche Hurensöhne hier, die mich am liebsten umbringen würden.»

Tom seufzt. «Er ist einfach so ein schlechter Mensch», sagt er dann und kommt auf «das mit dem Holocaust» zu sprechen: 2015 antwortete Winkler auf die Frage, was er davon halte: «Ja, ein Holocaust wäre natürlich schon ’ne richtig nice Sache.» Später relativiert er. Sagt erst, er habe das ironisch gemeint, danach, er habe es mit Hiroshima verwechselt, dann wieder, es sei doch bloss ein Witz gewesen.

«Er lügt immer und redet sich heraus, das stört mich auch», sagt Tom, «er kann nicht mit Geld umgehen, er verspricht Dinge, die er nicht einhält, und es geht ihm immer nur um sich selbst.» Mit anderen Worten: Tom und sehr vielen anderen Menschen ist Rainer einfach nicht sympathisch. Doch: Muss man jemanden nett finden, um ihn anständig zu behandeln – oder zumindest einfach zu ignorieren?


Klar könnte er aufhören Winklers Videos zu schauen, sagt Tom. «Aber wenn ich zum Beispiel mitbekomme, dass einer sich im Ausgang sexistisch äussert, dann gucke ich ja auch nicht einfach weg.» Einen Unterschied sieht er in den beiden Situationen nicht. Dass Tausende auf einem einzigen Sonderschüler herumhacken, findet er in Ordnung: «Dass er einen verminderten IQ hat, gibt ihm keine Narrenfreiheit.»

Keine Gewissensbisse also. Dennoch will Tom anonym bleiben. «Ich bin in keinem der Telegram-Kanäle mit Klarnamen drin. Es würde zu lange gehen, wenn ich allen erklären müsste, warum ich ein ‹Haider› bin. Ich will mich nicht rechtfertigen müssen.» Tom überlegt einen Augenblick, dann zuckt er die Schultern. «Ich sehe mich ja auch nicht als weissen Ritter, der die Welt vor Rainer rettet. Ich bin schon primär für die Unterhaltung hier.»

Rainer Winkler oder Kim Kardashian​


Die Unterhaltung, die Winkler bietet, gleicht jener, die Fernsehsender mit Reality-TV wie «Big Brother», «Dschungelcamp» oder «Keeping up with the Kardashians» ausstrahlen. Nur besser, weil echter. Denn bei Winkler fällt das TV, das für Drehbücher, Schnitte und Grenzen steht, weg. Was bleibt, ist Reality.

Die Unterhaltung ist also das eine, Gemeinschaft und Kosmos, die rund um Winkler entstanden sind, das andere. Einzelne «Haider», die eigene, teilweise stundenlange Videos machen, in denen sie Beiträge von Winkler analysieren, ihn auslachen und hemmungslos über ihn herziehen, sind selbst zu kleinen Berühmtheiten geworden.

Meddlesocke Fridolin kommt auf 10 000 Youtube-Abonnenten. Unter Fridolins Videos schreiben Nutzer Dinge wie: «Der beste Ehrenhaider im Game. Ich spreche für uns alle, wenn ich ein fettes DANKE da lasse», oder: «Junge, ich liebe dich. Deine psychologischen Analysen und dein Humor ist einfach baba.» Der Youtuber Der Einziche hat es sich zur Aufgabe gemacht, Winklers gesamtes Leben in mittlerweile über siebzig etwa 20-minütigen Videos mit vielen Details nachzuerzählen. Er nennt das «Die Geschichte des Drachenlord».


Die «Bild» und der falsche Winkler​


Manchmal verfolgen die «Haider» auch andere Projekte als nur Winkler. Zumindest ein bisschen: Neulich etwa gab sich einer von ihnen gegenüber der «Bild»-Zeitung als Drachenlord aus. Die Zeitung glaubte, mit Rainer Winkler in Kontakt zu stehen, und führte ein schriftliches Interview mit ihm. Als der «Bild» klarwurde, dass sie einem «Haider» auf den Leim gegangen war, war das Interview bereits gedruckt. Die Zeitung musste es mit Entschuldigung und Erklärung wieder zurückziehen. «Da war Winkler ja nur ein Mittel zum Zweck, um zu zeigen, wie manche Boulevardmedien funktionieren», sagt Tom. Der Fall macht ihn ein bisschen stolz.

Ähnlich wie bei Sportfans, die mit dem Wissen über ihren Klub auftrumpfen können, informieren die «Haider» sich gegenseitig über Neuigkeiten und Anekdoten aus Winklers Alltag. Über die Jahre hat sich ein ganz eigenes Vokabular herausgebildet. Winklers Haus nennen sie Drachenschanze und die Hetze Drachengame. So war das zumindest, bevor Winkler sein Haus verkauft hat. Er sagt: wegen der «Haider». Die «Haider» sagen: weil er Schulden hatte.

Seit einem Jahr reist Winkler nun schon von Hotel zu Hotel. Manchmal suche er lange, sagt Winkler – weil die Hotelbetreiber fürchten, dass mit ihm auch die «Haider» kommen. Das ist nicht gerade ein Traumleben und gibt vor allem jenen ein gutes Gefühl, die Winkler primär folgen, um immer jemanden zu haben, dem es noch schlechter geht.


Zu Besuch beim Drachenlord​


Tom spricht oft von «wir», betont aber, man sei eine gemischte Gruppe, «wie Fans bei einem Fussballteam». Es gebe Leute, mit denen verstehe er sich sehr gut. Einige «Haider» seien seine Freunde geworden. Mit einem von ihnen hat Tom Winkler auch einmal besucht. «Besucht» ist «Haider»-Deutsch für: vor Winklers Haus auftauchen, Bier trinken und ihn mit Beleidigungen und Sticheleien herauslocken. Tom hat dafür eine Nacht im «Sheraton» gebucht, «damit ich ihn auch sicher sehe, wenn er am einen Tag nicht rauskommen will». Aber Winkler kam heraus, hat gebrüllt und Tom sogar gefilmt. Volltreffer. «Danach sind wir gut essen gegangen. Ein schöner Ausflug», sagt Tom.


Mit anderen «Haidern» möchte er dagegen niemals etwas zu tun haben: «Mit Worten provozieren: Na klar! Aber Sachen auf sein Grundstück werfen, Scheiben einschlagen und ihn sogar so weit provozieren, dass er über seinen Gartenzaun kommt und einen angreift, das finde ich verwerflich.» Letztgenanntes tun allerdings viele. Manche sind dafür auch schon verurteilt worden. Andere haben von Winkler kassiert. Einer so heftig, dass es 2021 zu einem Prozess kam und Winkler zu zwei Jahren unbedingt verurteilt wurde. Er ging in Berufung: Aus der ursprünglichen Strafe wurde ein Jahr bedingt. Das Jahr ist bald zu Ende. Ein freier Mann ist Winkler dann allerdings nur aus Sicht der Justiz.

Cybermobbing und fehlende Gesetze​


Die Geschichte von Tom und dem Drachenlord ist auch ein Kapitel in der grossen Erzählung des Internets. Es geht um die Grenzen zwischen virtueller Welt und Realität. Dass Winkler sie verwischt, macht ihn für die «Haider» so spannend. Bei ihm Verschwimmen digitale Figur und echter Mensch, während die User im Internet anonym bleiben können. Sich, wie Tom sagt, nicht zu rechtfertigen brauchen. Und keine Verantwortung übernehmen müssen.

Auch nicht dafür, dass sie Winkler in eine ernsthafte Lebenskrise stürzen könnten. Tom glaubt auch gar nicht, dass das passiert. Und, wenn doch, hätte er kein schlechtes Gewissen. Denn ihn treffe keine Schuld: «Meine Grenze ist dort, wo etwas nicht mehr legal ist. Ich habe sie immer eingehalten.» Um die «Haider» zur Rechenschaft ziehen zu können, braucht es Cybersecurity-Gesetze, die eine Realität ordnen, in der die Gesetze der analogen Welt nicht mehr greifen. Weil einzelne, legale Handlungen in einer solchen Masse zusammenkommen, dass sie Schaden anrichten können.

Erst einmal aber bleibt für die «Haider» alles ein Spiel ohne Konsequenzen, ein Game. Das Drachengame. Für Winkler dagegen sind Mobbing und Stalking Alltag geworden. «Wir sind immer in seinem Kopf», sagt Tom. Er macht hie und da auch einmal Winkler-Pause. Dass das für sie geht, für Winkler aber nicht, gibt den «Haidern» ein Gefühl der Macht.



«Ein scheissgeiles Gefühl»​


Das wiederum zeigt: Die Mechanismen, die auf dem Schulhof greifen, wo einige Kinder den auffälligen Aussenseiter zum Opfer machen, greifen auch im Internet, dem Pausenplatz für Erwachsene. Alle gegen den Schwächsten. Und der weiss: eine andere Währung als Auffallen hat er nicht. In einem von Winklers Videos wird das deutlich. Er sagt, ein Freund habe ihm nach dem Erdbeerchen-Streich, so nennen die «Haider» die Geschichte mit dem Heiratsantrag, geraten: «Schür den Hass der ‹Haider›, denn sie sorgen dafür, dass mehr Leute auf deine Videos zugreifen.»

Die Geschichte von Tom und dem Drachenlord erzählt auch von Abhängigkeit. Für Winkler bedeuten die Klicks der «Haider» bares Geld; seine Videos sind seine einzige Einnahmequelle. Sie bedeuten aber auch Relevanz und Status, selbst wenn keiner ihn mag. Wie es denn sei, auf der Strasse erkannt zu werden, wurde er einmal gefragt. «Ein scheissgeiles Gefühl», antwortete Winkler.

Im letzten Sommer hat Youtube Winkler gesperrt, weil er gegen die Nutzungsbestimmungen verstossen hatte. Neu streamt er darum auf Tiktok. Und die «Haider» folgen ihm. «Keiner ist wie Rainer», sagt Tom. Dass Winkler bald genug haben und offline gehen könnte, glaubt er nicht. Ein bisschen scheint Tom sich selber zu beruhigen, wenn er sagt: «Rainer trägt ja selber alles raus. Er hört nicht auf zu streamen. Er braucht die Aufmerksamkeit. Er braucht uns.» Und die «Haider» brauchen ihn.
 
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